Transition Initiativen in D/A/CH

Transition Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Politischer Herbst mit heißem Eisen: Nach der Wahl von Donald Trump - Wie offen ist die Transition Town Bewegung für Rechts-Populismus?

Gedanken von Transitioner*innen rund um den Erdball, eingebettet von Stephanie Ristig-Bresser

mit Stimmen von
Mayliss Francois (Transition Belgien),
Stephen Hinton (Transition Schweden),
Rob Hopkins (Transition Network),
Marissa Mommaerts (Transition USA)
und Norbert Rost (Dresden im Wandel),

Die Würfel sind gefallen: Der Rechtspopulist Donald Trump ist seit kurzem der mächtigste Mann der Welt. Auch in Deutschland stehen bekanntlich im Sommer/Herbst kommenden Jahres die Bundestagswahlen an – mit der derzeitigen Perspektive, dass die AfD in den Deutschen Bundestag einzieht, möglicherweise sogar mit mehr als zehn Prozent. Gleichzeitig wird eine offene Auseinandersetzung mit politischen Extremen kritisch gesehen. „Man“ könnte ja selbst als „rechts“ gelten oder eben diesen Positionen zu viel Raum gewähren. So wie der Talkshowmoderatorin Anne Will gerade vorgeworfen wird, eine vollverschleierte islamische Fundamentalistin in ihre Sendung eingeladen zu haben. 

Was macht diese „extreme politische Wetterlage“ mit uns?

Was macht es mit uns, dass wir dieses Thema offenbar mit Samthandschuhen behandeln müssen, weil so viele Fettnäpfchen bereit stehen, obwohl eine intensive Auseinandersetzung - mutmaßlich sogar eine direkter Austausch mit populistisch eingestellten Menschen - immens wichtig wäre? Für welchen Weg entscheidest Du Dich? Wegschauen und einfach so weitermachen? Appeasement und Diplomatie oder konsequente Konfrontation mit möglichst direktem Austausch, obwohl das auf den eigenen Leumund abfärben könnte? Und: Was macht es mit Deinem persönlichen Engagement, dass offenbar politische Extreme Oberhand gewinnen? Lähmt es Dich, oder führt es bei Dir zu einem „Aber hallo, jetzt geht’s erst richtig los…“?

Die Antworten und Gedanken zu diesen Fragen sind sicherlich genauso vielschichtig wie die Transition-Bewegung selbst. Gleichzeitig positionieren wir uns in unserer Transition Charta ganz eindeutig dazu: Wir heißen ALLE Menschen willkommen. Dies schließt auch einen Austausch mit Menschen ein, deren Meinungen offenkundig auf Stammtisch-Parolen oder gar Verschwörungstheorien fußen. Gleichzeitig stellen wir in unserer Charta klar: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar – eine Grundfeste unseres Austauschs.

Nach der Wahl von Donald Trump haben sich Transitioner*innen aus der ganzen Welt  ihre Gedanken gemacht. Hier sind einige davon zusammengetragen und auf Deutsch übersetzt.

Mayliss Fraincois von Transition Belgien findet, dass es genau jetzt an der Zeit ist, gerade mit den enttäuschten Protestwähler*innen ins Gespräch zu kommen: „So viele Menschen sind bereit dazu, Rassismus und Radikalismus in Kauf zu nehmen, weil dies besser ist, als bei der Tagesordnung zu bleiben. Was wir also tun müssen, ist eine bessere Alternative zu bieten und diese Menschen wirklich zu erreichen“, schreibt sie auf ihrem Facebookprofil.

Stephen Hinton von Transition Schweden arbeitet in einem Artikel auf seinem Blog mit Argumenten, Fakten, einem simplen Rechenexempel und einem großen Augenzwinkern: Wenn Donald Trump das Wirtschaftswachstum verdoppeln wolle, dann könne er das zumindest nur erreichen, wenn er die Staatsausgaben und die Investitionen exponentiell vergrößere – und führt damit ganz klar vor Augen, wie surreal die Überlegungen Trumps eigentlich sind.

Marissa Mommaerts von Transition USA aus Paonia im Staat Colorado, ahnte wohl schon am Vorabend der Wahl, dass Donald Trump gewinnen könne, spielt dabei mit bitterer Ironie, die wohl auch ein wenig alsSprachbild gemeint ist, und hält auf ihrem Facebook-Profil fest: “Falls Ihr nach der Wahl Katerstimmung habt, schafft Euch doch einen Pitbull an… Pitbulls sind voller Liebe, Leben, Lachen - und (lecken) schlabbern Dich bei jeder Gelegenheit ab. Und so viele brauchen dringend ein Zuhause…. Und wenn Du dann über Deine Depression hinweg gekommen bist, mach einfach weiter und baue mit uns ein besseres politisches und ökonomisches System auf.“

Rob Hopkins sieht das in seinem Blogartikel zur Donald Trump-Wahl ähnlich: „Vor Donald Trump haben wir Holz geholt und Wasser getragen. Wir haben außerdem resiliente Gemeinschaften aufgebaut, eine neue Zukunft entworfen, neue solidarische Unternehmen gegründet, mehr köstliches und gesundes Essen angebaut, uns gegenseitig unterstützt und Beziehungen gefestigt. Wir haben erkannt, wie absurd es ist, auf noch mehr ökonomisches Wachstum und wachsende Emissionen zu setzen auf einem Planeten, der die Grenzen des Wachstums längst erreicht hat. Wir haben uns an unsere lokale Wirtschaft zurück erinnert, all unsere Kräfte vereint, unsere Träume wiedergefunden, haben erkannt, dass unsere lokalen Gemeinschaften viel wichtiger sind als große Konzerne, wir haben uns Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung entgegen gesetzt. Wir investieren in lokale Unternehmen, erzählen uns neue, konstruktive Geschichten. Wir feiern zusammen. Und mit einem Präsidenten Trump? Machen wir das Gleiche. Genau das Gleiche.“

 

Das ist sicher eine gute Strategie. Doch geht es nicht auch darum, mit den Menschen, die Stammtisch-Parolen folgen, ins Gespräch zu kommen und sie über Alternativen mit Substanz zu informieren, weil sie sich vielleicht doch mehr ersehnen als hohle Luft und Placebo-Beruhigungsmittel? Norbert Rost von Dresden im Wandel hat sich zu diesem Aspekt eingehendere Gedanken gemacht. Hier sein sehr lesenswerter Beitrag:

 

"Wie offen bist du für Rechtspopulismus?" Diese Frage hat seit Pegida und den Wahlerfolgen der AfD Sprengstoffpotenzial. Sie wird sich in manchem Milieu nicht nur als Frage gestellt, auf die man eine ehrliche Antwort haben will, sondern manchmal kommt sie frisch aus dem Werkzeugkoffer der Verhörmethoden. Nach dem Motto: Wer sich nicht 100%ig abgrenzt gegenüber Menschen mit rechts(populistischer) Haltung, ist selber so ein "Rechter". Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hat dieses urdeutsche Phänomen in einem Telepolis-Interview jüngst als "System der Kontaktschuld" bezeichnet und erstaunt angemerkt, dass er das aus der Schweiz nicht kennt: Dort redet jeder mit jedem. (http://www.heise.de/tp/artikel/48/48769/1.html)

Dummerweise steckt in der Abgrenzungsdebatte ein Paradox, das nicht leicht aufzulösen ist. Wer argumentiert, mit rechten oder rechtspopulistisch denkenden Menschen dürfe man sich prinzipiell nicht einlassen, ja nicht einmal unterhalten, der vergrößert aus meiner Sicht die Macht und den Einfluss der dahinterstehenden Ideen und Ideologien. Sichtbar wird das im Bereich Bildung: Wenn es tabu ist, mit einem "Rechten" zu reden, so wird jede Einflussmöglichkeit auf dessen Denken und Fühlen aufgegeben. Gesagt wird dann: "Der "Rechte" hat sich selbst zu bessern, bevor er wieder mit mir spielen darf." Abgesehen davon, dass diese Übermenschen-Haltung totalitäre Züge trägt, ist sie auch widersprüchlich. Wie soll jemand, der keine Idee vom achtsamen Umgang mit Menschen und Erde hat, ihn erlernen, wenn ihn niemand den achtsamen Umgang lehrt? Bildung bedeutet ja grade, die Grenze zum Milieu der Unwissenden zu überschreiten, um ihnen Wissen anzubieten. Wenn es tabu ist, sich der Unwissenheit anderer anzunehmen, eben WEIL sie unwissend sind, bedeutet dies, den im dortigen Milieu gärenden Ideen und Ideologien völligen Freiraum zu lassen.

Strategisch ist das unklug! Denn wenn es von progressiver Seite her tabu ist, mit der reaktionären Seite zu kommunizieren, vergibt man sich Einflussmöglichkeiten. Wenn dieses Tabu auf der reaktionären Seite aber nicht existiert, mit "den Anderen" zu sprechen, können sich die dort gepflegten Ideen viel ungehinderter verbreiten. Wer "gewinnt" dieses Spiel wohl?

In der Frage nach der Offenheit und Anschlussfähigkeit von sozialen Bewegungen sollte daher eine Tabuisierung hinterfragt werden dürfen. In der aufgeheizten Stimmung der letzten zwei Jahre ist das aber schwierig, da oftmals schon Tabus gesetzt sind: Schon so manche(r) wurde angegangen dafür, dass er sich dagegen aussprach, die "andere Seite" des politischen Spektrums nicht aus den Augen verlieren zu wollen, sondern Brücken bereitzuhalten. Dürfen wir das? Oder ist das schon "offen für rechts"?“

 

Diesen Fragenkomplex möchten wir gern an Dich und an Euch weitergeben:

Was denkst Du selbst dazu?

Was sind die Antworten Eurer Transition Town Gruppe?

Danke an Euch fürs Mitdiskutieren - gerne auch hier im Kommentarbereich!

(Fotos - fotolia.de -  USA-Wahlfoto: ericosuave (überarbeitet von Stephanie Ristig-Bresser) / Pegida-Foto: Urheber: XtravaganT) 

Kommentar

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Kommentar von Susanne Wiegel am 21. November 2016 um 11:21pm

Ich bin der Meinung, dass Menschen dann extreme Positionen einnehmen, wenn ihnen etwas fehlt, wenn ihre Vorstellungen und Bedürfnisse nicht angemessen berücksichtigt werden. Je mehr sie ausgegrenzt werden, desto unzufriedener werden sie mit dem System sein und um so mehr werden sie in ihrer extremen Haltung bestärkt.

Ich finde, wir sollten versuchen herauszufinden, was genau ihre Kritikpunkte sind, was ihnen in unserer Gesellschaft fehlt. Das heißt gerade Kontakt aufzunehmen und Gespräche zu suchen um Hintergründe zu verstehen und schließlich Lösungen zu finden, wie diese Menschen einbezogen werden können. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns wichtige Impulse geben können. 

Mut ist dazu schon erforderlich, da wir riskieren selbst abgelehnt zu werden. Gemeinschaftliches Handeln wiederum und eine offene Debatte kann uns wahrscheinlich helfen Zusammenhänge aufzudecken und öffenlich sichtbar zu machen.

Susanne aus Essen

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